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jaguar
I
Ich treffe ihn unter einem Baum, ganz in der Nähe von Jaguar, die
einen Brunnen gräbt. Er sagt nicht viel, starrt in die Landschaft
hinaus.
Und?, sag ich, und er schweigt eine Weile, sieht in die Landschaft und
zerschlägt mit den Wimpern einen Kubikmeter Luft. Weißt du,
sagt er, ich bin immer früh, bin ich immer und dann rüber,
weißt du, ham doch die Gräber, immer früh bin ich
und er stand und ich wusste nicht, und doch bin ich immer hin.
Früh. Naja.
Er setzt sich unter den Baum und ich merke, dass ihm das zu schaffen
macht. Wie eine in die Straße getrocknete Ratte sitzt er unter
dem Baum. In der Entfernung hören wir Jaguar den Boden kratzen.
Eine Staubwolke liegt über ihrem Kopf und kleine Kinder betrachten
ihren Arsch. Die gräbt sich die Bandscheiben runter, denke ich,
und die wixen sich die Taschentücher klumpig.
Er schiebt sich den Hut ins Gesicht. Ich spucke und wende mich gegen den Himmel.
Stand er immer, immer, ich früh und er. Schaufel, ich rüber
und er mit Schaufel und. Hat schon ganz andere unter die Erde gebracht.
Ganz Andere.
Jaguar gräbt einen Brunnen. Dieser Landstrich besteht aus
siebentausend Tonnen Lehm. Er hat in der Tiefe eine Ausdehnung
von dreihundert Kilometern und in der Länge ist er unerforscht.
Ein Baum wuchs hier, bevor die Kinder kamen. Jetzt schwebt sein Abbild
über dem Lehm, er selbst ist verschwunden. Unter diesem Baum sitzt
er. Ich stehe gegen den Himmel. Im Gesicht klebt sein Hut an den
Stoppeln und Jaguar gräbt einen Brunnen.
Ich bin, weißt du, ich bin immer rüber und immer stand er
und nie ohne Schaufel, und ganz andere hat er unter die Erde gebracht
und nichts darüber verloren. Und ich immer hin und trotzdem.
Im Süden wird wohl was sein, denke ich.
Hat immer, sagt er, immer. Ich früh hin, Schaufel, in dem Boden!
Maximal bis Mittag, sagt er, maximal. Hätt er auch alleine, aber
ich, soll ich zu Hause auf der Alten hocken? Immer hin, früh,
immer. Und Mittags, unter keinem Baum, denn hier gibt’s nur den,
und der ist nicht drüben sondern hier und außerdem kommt er
mir, also ich weiß nicht, irgendwie kommt er mir, also ein Baum
ist das nicht. Also unter keinem Baum, am Rand, die Füße im
Grab, mit Stulle und Glut. Stunde und dann Beerdigung. Nach eins.
Wind. Im Baum raschelt es. Er schaut hoch.
Grüße dich! Das isser, sagt er, der is hier! Plötzlich,
das Land voll Leute. Um Eins! Vorher Nischt! Gar nischt! Und
plötzlich: Das Land voll Leute! Wer trampelt den Lehm fest? Hm?
Eins, die Glocke, und das Land voll Leute. Überall. Kannst kaum
das Hemd über den Brustschweiß schmiegen und schwupp. Und
Kappelle! Immer. Keiner ohne Musik in die Erde, keiner! Und er daneben
und der Pfarrer oder Geistlicher oder wie, der Pfarrer salvepatalve und
er nebendran und hat das Loch in den Boden gestemmt wie ein Stier! Und
alle Ach und waschen den Boden mit Tränen, und Salz kristallisiert
auf Lehm und macht die Bepflanzung zunichte.
Jaguar erschlägt ein Kind mit der Schaufel. Die Anderen weichen zurück.
Er steht auf und schüttelt den Hut. Staub kräuselt auf der Krempe. Er schlägt ihn ab und sieht mir in den Kopf.
Der is, wenn ich heimgeh, abends, streichts mir am Arm, das isser. Wenn
ich rüber geh, früh und seh, was gemacht werden könnt,
furzt er und dreht sich im Liegestuhl. Schnuppe isses ihm! Nich
fürs Grab hat er’s gemacht, nich für die Leute. Nee.
Mittags um eins alles voll! Zur schönsten Stunde! Gern hätt
er die Landschaft sich in den Bauch gesoffen, ohne Leute, ohne Pfarrer.
Nich für die Leut hat er’s gemacht! Nee nee nee. Und nich
fürs Grab und nich für irgendwas. Aber gemacht hatters. Und
immer. Ich früh rüber und er mit Schaufel schon da und wir
losgerackert bis Mittag und dann so. Aber nich für was. Nee nee.
Das nich.
Jaguar gräbt einen Brunnen.
I.I
Er:
Schaufel ist ein Wort und nur ein Wort. Wenns keine Schaufel gibt? Es
muss keine Schaufel geben, nur weil einer sagt: Schaufel. Er, nie hat
er Schaufel gesagt. Immer nichts gesagt. Nie. Eigentlich stand er nur
und grub, eigentlich nur das. Und hat nicht Schaufel gesagt. Nie. Aber
Mittags, alle! Oh! Mit der Schaufel! Und er sie angesehen! Schaufel?
Hat er gedacht! Schaufel?
Und alle: In dem Lehm, mit der Schaufel! Und er: Lehm? Aber nichts
gesagt, nichts. Der hat sich in den Dreck geworfen und gerattert,
losgerattert, in die Hitze. Und hat nich „Hitze“ gedacht,
und nich „schwitzen“ und überhaupt. Hat mich
angesehen, wenn ich früh rüber, so von schräg, stand er
schon da mit der Schaufel, und ich nix gesagt, nich genickt, nix. Ganz
selbstverständlich jeden Tag ein Loch in den Boden! Aber Loch!
Boden! Grab! In ein Grab tut man Tote, in den Boden pflanzt man
Erdbeeren, in ein Loch steckt man seinen Schwanz! Hat nich seinen
Schwanz in das Loch gesteckt! Hat nich Erdbeeren gepflanzt in den
Boden! Und hat nie einen Toten in das Grab getan. Ins Grab kann man
einen Toten nur tun, wenn man einen Toten hat. Hat er nich gehabt. Nie.
Und wenn er einen Toten gehabt hätte, zum Beispiel sich, wenn er
sich gehabt hätte, hätte er sich nich ins Grab getan. Erstens
hatte er sich nich, weil er nichts hatte, weil er nich mehr
„er“ war, weil er nich mehr „war“, weil
„er“ fehlte, „war“ fehlte, alles fehlte, nur
Loch blieb in der Hitze. Über den ungestemmten Gräbern.
Wenn einer tot ist, ist er tot. Also „ist“ er. Er kann aber nich „sein“, wenn er nich mehr ist.
Als er noch jeden Tag, als er „er“ war, als er
„hatte“, als er „war“, hatte er auch nichts,
und machte nichts, außer rattern in dem Lehm, das für ihn
kein Lehm war, sondern irgendwas. Gegen ihn. Was wo er dagegen, damit
er die Arme spürt, damit er spürt. Deswegen stand er da rum
und ich rüber früh, damit ich nich die Alte den ganzen Tag,
und er stand da und wartete und sah mich an von schräg und ich sah
nirgendwohin und wir keuchten uns bis Mittag die Arme schwer, und dann
alles voll Leute und Schaufel und Lehm und Schweiß. Vorher
dunkel. Wie durch einen Tunnel rennen. Schnell. Immer grade aus. Und
Glück haben, dass nie die Wand kommt. Immer den Tunnel treffen,
immer weiter. Und Mittags die Leute, und plötzlich ist alles Lehm
und Schaufel und Hitze und Schweiß und kein Tunnel mehr. Und da
ist ein Grab, wo nie einer gestorben ist und da ist ein Pfarrer, wo nie
einer war, und Leute, wo nichts war. Nicht mal ein Baum. Obwohl, ich
weiß nicht, ein Baum ist das nicht. Vorher kühl und blind
und durchgekämpft, gerannt und immer richtig. In die Dunkelheit
malt das Auge nackte Frauen, Palmen, Saft und Schatten und das Ohr
komponiert Musik und Schreie und Gestöhn und Flüstern und
Zirpen und Sägen und Wind. Dann die Glocke, eins, alles voll Leute
und plötzlich Lehm, Grab, Schaufel, Schweiß, Tränen.
Festgenagelt hier, um dich reden sie einen Friedhof, reden dir eine
Schaufel und du gräbst ein Grab. Und wolltest nur die Glieder
ermüden, damit du abends nicht unzufrieden bist, nach dem
sinnlosen Tag.
II
Jaguar schreit und wirft die Schaufel. Die Kinder sehen ihre
Brüste. Wind, kein Pfarrer, kein Baum, fern scheppert die Kapelle,
im Süden muss was sein, denk ich, von Süden kommt Musik oder
nach Süden geht sie. Ich kaue auf diesem Mittag wie auf seinem
Schuh. Er is hier, sagt er, ich weiß es. Jaguar sieht rüber.
Wieder spucke ich, seinen Schuh, diesen Baum, den Lehm. Soll er sie
haben.
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